Wichtig ist, was hinten rauskommt - die Botschaft meine ich

Oder, vom Sinn und Unsinn fahrender Botschaften.

Keine Ahnung, wer diesen Kult einführte. Jedenfalls hält er sich seit Jahren in mobilen Kreisen. Damals, im Osten, war mangels Heckscheiben nicht daran zu denken. Mit dem Fall der Mauer fielen sie dann auch über uns herein, die Heckscheibenaufkleber.

 

Meine Generation, damals so richtig im Kfz-Wahn, schwamm auf diese Welle mit. Allerdings sollte sich der Boom erst später entfalten. In den frühen Neunzigern musste man sich mit Werbeaufklebern diverser Automobilhersteller bzw. Car-HiFi-Anbieter zufriedengeben. Der KENWOOD auf der Trabbiheckscheibe war Pflicht! Möglich waren auch „PANASONIC“, „PIONEER“ oder „CLARION“. Später dann Reifenhersteller, dessen Reifen den Wert des Vehikels überstiegen: YOKOHAMA. Im Fahrwasser der wie Pilze aus dem Boden schießenden Werbeagenturen, sollte es richtig zünden. Jeder konnte sich seinen Sticker printen lassen. Nun waren Tür und Tor geöffnet, der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

 

Einige machen es dem mit der Automobilherstellervielfalt nicht vertrauten Personenkreis recht einfach. Da muss man nicht warten bis man im Windschatten die kleinen Markenlettern entziffern kann; nein, schon von Weitem erspäht der Wachsame, dass er in geraumer Zeit auf einen HONDA trifft! (Daneben fahren auch „Megane“ und „Nissan“ auf unseren Straßen.) Welcher Renault da vor uns abbiegt erklärt sich auch von selbst: „CHAOTEN 19ER – Renault 19“.

 

Andere Fahrer weisen den Schutzmann schon von vornherein hin, dass man gern am Limit fährt. Das steckt an. Man musste sich sogar in mehrere Gruppen teilen, um den zahlreichen Mitgliedern noch Herr zu werden. So gibt es neben dem „Honda Team Flöha“ in Niedersteinbach neben dem „1. Riem-Team“ sicher auch noch ein Zweites oder gar Drittes. Andere Hot Wheels nennen sich „Böhse Opelz“, „Mongo Clique – Opel Kadett“  oder „Touren & Taxen Team / Sa.“ Ein roter Kleinwagen ist in Sachen „Chemnitz Crusaders“ unterwegs; ein anderer hält unsere Straßen für eine Race-Circuit und führt die Kolonne als „Pace-Car“ an. Auch die „Roverszene Deutschland“ und die „Frösi-Posse“ mischen hier gewaltig mit. Als „Meistgejagter“ begegnet uns ein Twingo. Das „Auto Teile Unger Team“ zeigt Sympathie mit gleichnamigem Ersatzteilvertrieb – aber warum?? Giftig wie „NITRO“ verspricht ein 26-PS-Aggregat eines gelben Trabants zu sein. Ein rasanter VW Polo im Dodge-Viper-Look verspricht gar einen Ausstoß von purem „Adrenalin“ – jaja. Daneben erscheint uns - wenn auch rätselhaft - „Rasselbande Tigra 16V“ dann doch eher harmlos. „Ossi Power Club Oberlausitz” – ach ja, den gibt es ja auch. Nur interessiert’s mich nicht!

 

Ich fahre nicht schnell, ich fliege nur tief.“ – aha! Ob das Vehikel vor uns wirklich kein Autoradio besitzt (“Soundless“) und wenn, uns doch egal!

 

Es läßt sich sogar ein regelrechter Wettkampf erkennen: Wer hat die originellste Idee. Manche sind eher einfallslos, andere wieder genial. 

 

Breit gefächert sind alle Sticker: „V8“ suggeriert uns ein Kleinwagen (ob’s hilft?), „Vergisses“ mahnt uns ein anderer, „Spinatbomber“ ein grüner Trabant, ein BMW-Fahrer gehört zu den „Bieraten“. „Da kommste ins Griebln“, „DURCHGEKNALLT ...und auf der Flucht“,  „Destruction“, „Zu geil für diese Welt“ und „Ich will Kühe!“. Rätselhaft erscheinen Botschaften wie „... zett“, „... isn hä?! Original seit 1996“, „Schlecker“ (ob wir hier wirklich auf eine Drogeriekette aufmerksam gemacht werden?), „Azapft..ISS“, „NOT NORMAL - X TREME TEAM“, „((TAM))“ und „NO MA’AM“. Eine Steigerung des Rätselhaften ist dennoch drin: „Hallo, hier spricht WELLE: ERDBALL Symphonie der Zeit“. Was mag uns diese Trabantscheibe wohl mitteilen wollen? Ein blauer Passat erinnert uns an eine, was skandinavische Traumlandschaften betrifft, eher zweitrangige Region in Schweden – „Norbotten“. Aber warum nur? Ein 306er Peugeot ärgert alle Deutschlehrer durch ein schlichtes „Grüß Dir!“. „Polozei“ steht natürlich an einem VW Polo geschrieben. „Bereit! Wenn Sie es sind ...“, „Ich möchte einmal mit Profis arbeiten“, „1. Durnhosenclub“, „Fang mich Vol. 2  Vol. 5“, uns so weiter uns so fort. „Sex ist tödlich... komm laß uns sterben.“ ohne mich, mach mal allein!

 

Ich wollte schon oft wissen, wem dieser blaue Golf gehört; die Heckscheibe verrät es: „Hungerseiner“. Im weißen Polo sind „Devils Girl“ und die „Superzicke Verena“, im grünen Golf ein „kleiner Giftzwerg“ unterwegs. Na, denen fahren wir doch lieber aus dem Weg. Tobi macht eins auf Literatur: „Tobi or not Tobi“.

 

Auch aktuelle Themen werden verarbeitet. „ABI 2000“ bedarf keinerlei Kommentares. „Big Brother“ lässt grüßen, ein Corsa erinnert uns an Zlatko/Jürgen: „Da kriesch Plack“.

 

In goldenen Lettern prangt „Braustolz“ am Heck. Familienkombis werben für „Lichtenauer“, andere möchten allen zeigen, welch couragierter Fahrer (seines Zeichens Feuerwehrmann) dieses Auto steuert: „Andere rennen raus, wir rennen rein.“. Und dann ist da noch der „Biker ausser Dienst“, der nur ob der schlechten Witterung vierrädrig unterwegs ist. „Apoptygma Berzerk“, das ist übrigens eine Musikgruppe, deren Name da am Lupo aus MEK prangt. Ich werde meinen Vater demnächst darauf ansprechen, die „Randfichten“ hinten aufzukleben...

 

Manchmal erkennt man wenigstens noch einen Funken Witz dabei: „Vorübergehend geschlosssen“ erklärt sich ein Cabrio und mit „Meikäfer“ weist die Beetle-Lenkerin auf eindeutige Besitzverhältnisse hin. „Hier seht ihr das gute alte Ding aus dem Hause Sachsenring“ braucht keine Erklärung.

 

Zuletzt seien noch jene Fahrzeugführer erwähnt, welche uns die lästige Entzifferung und Aneinanderreihung von Buchstaben, nämlich das Lesen, abnehmen und ihre Botschaften durch Symbole vermitteln. Öfters tauchen kunstvoll gearbeitete Grafiken auf, die es spielend mit den Werken prominenter Tatookünstler aufnehmen. Den Betrachter lässt man jedoch im Dunkeln. Handelt es sich nun um hochnordische Runen, Keilschriften aus Babylonien, Hieroglyphen aus Ägypten, Buchstaben aus Fernost oder von prähistorischen Indianerstämmen? Möglicherweise dienen diese Grafiken, manchmal Erkennungssymbol für eine angesagte Hardcoreband, nur zur Verständigung mit gleichgesinnten Musikfreunden. Rätselhaft bleibt jedoch jene Botschaft, welche uns vermutlich vermitteln soll, dass der Fahrzeughalter über einen steifen Mittelfinger klagt. Das sollte allen motorisierten Ärzten ein Zeichen sein.

 

Was nur, sollen uns all diese Botschaften übermitteln? Wobei sollen sie uns helfen, weshalb worauf aufmerksam machen?

 

Bei all dem Chaos resümierte ein Seatfahrer schlicht und ergreifend: „Ich hasse Heckscheibenaufkleber!“.

 

 

weitere Beispiele:

 

Laubengeschwader Langenau

 

Crazy Kids Erzgebirge

 

...selber Schuld

 

Sperrbrecher 29   Fiat Panda

 

ICH WILL VÖGELN Futter geben

 

Hast Du’n Hiesie? Du Niffer!   -  Kann ich gegen solche Beleidigungen eigentlich schon klagen?

 

Leise ist Scheiße!

 

Das war das Baby!